Franz

>>Durch die geöffnete Stahltür betrat Franz seinen
Arbeitsplatz, einen zur Ausstellungshalle umgebauten
Gasometer. Er hatte heute Dienst an der Garderobe. Er
begrüßte die anderen Mitarbeiter und zog sich in dem
dahinterliegenden Verschlag um. Ganz im Zeichen der
ehemaligen Nutzung des Gebäudes, der Gasomter diente als
Zwischenspeicher von Gichtgas, einem Abfallprodukt der
Hochöfen zur Stahlerzeugung, waren Garderobe und der
dahinterliegende Verschlag, der als Abstell- und
Mitarbeiterraum diente, aus Stahlgitter gefertigt.
Franz zog sich um, wunderte sich über die altmodische Lampe
auf dem Tisch und setzte einen Kaffee auf. Neben der
Kaffeemaschine erspähte er eine auf den Tisch geklebte
Anweisung aus der Chefetage. Sorgfältig ignorierte er diese
und begann mit seinem Dienst.


Ereignislos verstrichen die Stunden, bis ihn zwei
Ausstellungsbesucherinnen auf das interessante Bild hinter
ihm aufmerksam machten. Schnell drehte Franz seinen Kopf.
Seine Wahrnehmung verwischte. Er sah einen Schreibtisch,
ein von einer Bürolampe erhelltes Blatt Papier,
Kondensmilch im gelben Tetra Pak und eine Kaffeemaschine.
Er schnappte sich Kaffeebecher und Stuhl, nahm den heran
eilenden Besucher nicht wahr, setzte sich an den
Schreibtisch, füllte weiße Kondensmilch und schwarzen
Kaffee in den Becher, nahm einen Schluck der braunen
Flüssigkeit, löste die Tesastreifen, drehte das Dokument um
und schrieb:
Du näherst dich der ehemaligen Ausstellungshalle, halb
verfallen reckt sie sich 117,5 Meter in die Höhe. Der
Durchmesser des Dodekatetragons, so vermutest Du den
griechischen Namen des 24Ecks, beträgt 67,6 Meter. Frau Schulz
kommt auf Dich zu.
>>Sie sind also für den Entwurf des Umbaus des Gebäudes
zuständig.
Wollen wir direkt mit der Besichtigung beginnen?<< Du nickst. >>Eines sage ich Ihnen gleich, es wird eine sehr
schmutzige, anstrengende, vielleicht auch gefährliche
Besichtigung. Folgen sie mir.<< Gehorsam folgst Du der weißen Frau im schwarzen Kostüm, deren braune Haare von einem strengen Knoten zusammengehalten werden. >>Hier geht es rein. Wir müssen den Gasometer durch diesen
Riss in der Hülle betreten. Halten Sie alles gut fest,
drinnen ist es sehr windig.<< Du zwängst Dich durch den Spalt. Diffuses Licht fällt durch zahlreiche Löcher, Risse und Spalten in der Stahlhaut in das Innere und erhellt ein Konstrukt aus herabgefallenen Stahlträgern, Blechen, Ziegeln und Tonnen, Reste der letzten Ausstellung. Gegen den Wind ankämpfend brüllt Frau Schulz: >>Der
Gasometer macht sein eigenes Klima, nichts ungewöhnliches
bei einem Gebäude dieser Größe. Daher der ständige Aufwind.
Was sagen Sie?<< >>Ich muss mir erstmal ein paar Notizen machen<<, brüllst Du zurück. Du ziehst dein schwarzes Notizbuch und den schwarzen Kolbenfüller und beginnst zu schreiben: >>Durch…<< Der starke Aufwind entreißt Dir den Füller, ein Geschenk des Menschen, mit dem Du das Bett teilst. Franz setzte den Füller ab. Er hatte seinen Kaffee ausgetrunken, füllte weiße Milch in die Tasse und goss sie mit dem braunen Kaffee aus der Kanne auf, nahm den Rauch um sich herum nicht wahr und einen Schluck der grauen Flüssigkeit. Dann schrieb er weiter: >>Ich muss ihn wieder haben<<, brüllst Du Frau Schulz gegen den Wind an. >>Sie sind verrückt? In diesem Wirrwarr finden Sie ihren
Füller nie.<< Du schreist Ihr noch ein ich muss zu und machst dich auf den Weg. Mühsam geht es voran. Wahllos erstrecken sich Haufen von Stahlträger, Bleche, Ziegeln und Tonnen in die Höhe, versperren deinen Weg, aber keines dieser Gebilde scheint dir geeignet, um den Aufstieg zu beginnen. Der ständige Aufwind bereitet dir Kopfschmerzen; bist kurz davor aufzugeben, erinnerst Dich an den annähernd runden Grundriss des Gebäudes. Ein Umkehren würde deinen Weg zum Ausgang nur unwesentlich verkürzen. Du kämpfst Dich also weiter vor. Mit jedem Schritt in Richtung des Mittelpunkts nimmt der Wind ab, senkt sich zu einem sanften Rauschen an Deinem Ohr und verebbt schließlich gänzlich. Du kommst endlich etwas zur Ruhe und schaust dich um. Über dem Zentrum des Gebäudes liegt ein großen Stahlfragment. Offenbar ein Teil einer ehemaligen Zwischenetage. Es beruhigt deine Augen als dein Blick an dem Fragment entlang streicht. Als aufwärtsstrebende Diagonale schneidet es den Gasometer in zwei Hälften. Vielleicht wird es Dir den Aufstieg ermöglichen. Aus einem Schuttberg neben Dir ragt die Lehne eines Stuhles hervor, sie steckt fest genug, um nun selbst als Sitzfläche zu dienen. Du setzt Dich. Das Schreiben ermüdete Franz. Er setzte einen frischen Kaffee auf. Dann schrieb er weiter: Langsam erscheint Dir ein Bild der letzten Ausstellung vor dem Brand. Eine große Stahlscheibe, die früher auf dem Gas schwamm und es verdichtete, war in etwa zehn Metern Höhe fixiert worden. Darauf stand eine annähernd hundert Meter hohe Mauer aus bunt lackierten Ölfässern. Entlang der stählernen Haut des Gasometers schraubte sich, die Mauer durchschneidend, ein Laufsteg spiralförmig nach Oben. Ein gläserner Fahrstuhl ermöglichte ein bequemeres Aufsteigen. Nach dem Brand beherbergte der Gasometer nur noch ein Stahlgemenge. Diese Schutthalde soll nun als Wahrzeichen der Stadt erhalten bleiben und ähnlich den Wiener Gasometern Wohn-, Büro und Einkaufsfunktionen beherbergen. Aber bevor Du mit den Plänen beginnen kannst, brauchst Du Deinen Stift. Du folgst dem diagonalen Stahlfragment, sanft nähert es sich dem Grund, fast bis zum Rand des Gebäudes, dann kannst Du es mühsam besteigen. Franz goss Grau und Weiß in den Becher. Es verband sich zu einem Braun. Nahm einen Schluck und schreibt weiter: Du hast dich an den Wind gewöhnt, auch das Klettern bereitet Dir kaum noch Mühe. Zwanzig Meter über Dir erblickst Du einen seltsamen Glaskasten, den Du nach einer beschwerlichen Kletterpartie erreichst. Eine gläserne Tür trennt den hexaedalen Kasten vom Rest des Gebäudes. Ein kleines Schild weist Dich darauf hin, dass Du das Werk Franz von Philipp Adamik betrittst. Du gehst durch die Tür. Der Kasten besteht aus milchigem Glas, auf dem, scheinbar willkürlich, dreiunddreißig unterschiedlich komplexe Zeichen zu Gruppen angeordnet sind. Punkte Striche und Linien suggerieren einen tieferen Sinn, der Dir aber verschlossen bleibt. Schatten — Liegend, sitzend, stehend berühren Sie die Wand — werden auf die andere Seite des Milchglaskastens geworfen. Du näherst Dich — Sie bewegen sich — der Milchglaswand. Du kratzt — immer hektischer — eines der Ze chen von der Wand. Mit deinem nun geschwärzten Finger — und schneller — malst Du an anderer Stelle, ein neues Zeichen. Du entfernst Dich — nun ruhiger werdend — von der Wand und verlässt — entspiannt — den Raum. In Deinem Kopf entsteht eine Vorstellung der neuen Nutzung. Das Dach muss verglast werden. Von einem zentralen Turm in der Mitte sollen sich, einem Mercedesstern ähnlich, die verschiedenen Funktionsbereiche ausstrecken. Zwischen den Ausläufern sollen begrünte Innenhöfe liegen. Vor allem viel milchiges Glas. Franz blickt aus dem Fenster in den begrünten Innenhof. Sein brauner Kaffee ist inzwischen erkaltet. Er gießt die Reste in die Topfpflanze auf seinem Schreibtisch. Das Koffein bekommt ihr wohl nicht gut. Seine Frau wird wohl bald eine neue kaufen müssen. Dann wird er weiter an seiner Geschichte schreiben. Du hast es fast geschafft. Nicht nur den Anstieg, auch das Gebäude steht bereits in deinem Geiste. Immer hastiger werden Deine Schritte. Du wirst unvorsichtig. Du rutschst. Kommst einen Abgrund immer näher. Mit dem Hosenbein bleibst an einem hervorstechenden Stahlträger hängen. Kurz vor dem Abgrund. Gerettet. Du schaust nach unten und entdeckst ein Blatt Papier. Auf der Vorderseite ist es bedruckt. Du liest: >>Liebe Mitarbeiter,
Der Brandschutzbeauftragte der Stadt hat mich gebeten,
Ihnen folgendes mitzuteilen:
Bitte hinterlassen sie den Garderobenbereich in einem
ordnungsgemäßen Zustand. Besondere Aufmerksamkeit sollten
Sie vor allem den Papierkörben in den oberen Bereichen
zukommen lassen. Häufig sind diese bis zum überquellen
gefüllt, welches eine unnötige Erhöhung des Brandrisikos
bedeutet.
MfG
Schulz<< Auf der anderen Seite ist mit schwarzer Tinte etwas geschrieben. Mit Mühe entzifferst Du das erste Wort >>Durch…<<. Der Rest der Schrift ist zu klein und undeutlich. Du steckst das Blatt ein und setzt Deinen Weg fort. Dann erblickst Du Deinen Füller. Eilig hebst Du ihn auf, ziehst das bereits eingesteckte Blatt wieder hervor und beendest Deinen vor Zeiten begonnenen Satz: Durch ein geöffnetes Fenster werden die stetigen Aufwinde für ein angenehmes Klima in den Innenräumen sorgen. Franz wird noch etwas schwarzen Kaffee und weiße Kondensmilch in die Tasse gießen, sich wieder an den Schreibtisch setzen und den letzten Satz seiner milchgläsernen Geschichte tippen: >>Durch die geöffnete Stahltür betrat Franz seinen
Arbeitsplatz,

Philipp Adamik

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