Michael Hardt und Antonio Negri “Demokratie” (2013). Eine rezeptionsanalytische Kritik. Teil I.

Am 14. Februar erschien im Campus Verlag Frankfurt die deutsche Übersetzung von Declaration, der beiden, hauptsächlich durch ihr Buch Empire (2000, dt. 2002) bekannten neomarxistischen Theoretiker Michael Hardt und Antonio Negri. Die deutsche Übersetzung des Titels ist mit Demokratie leider etwas unglücklich gewählt, was bei den deutschen Zeitungskritikern zu reichlich Verwirrung geführt hat.

Die Verwirrung der Kritiker

Aufhänger der Verwirrung sind die ersten Sätze des Buches:

Dies ist kein Manifest. Manifeste verkünden uns Idealwelten und beschwören ein geisterhaftes Subjekt. Sie gehörten in eine Zeit, in der Politik Propheten folgte, die sich ihr Volk erschufen“ (Hardt, Negri 2013).

Die Meinung der KritikerIn ist eindeutig. Entgegen dem, was die Autoren behaupten, sind sie sicher, es handelt sich bei diesem Text um ein Manifest.

Christoph David Piorkowski von der Süddeutschen Zeitung und Robert Misik von der Frankfurter Rundschau definieren den Text einfach autoritär entgegen des Willens der Autoren zu einem Manifest (Piorkowski 2013 und Misik 2013).

Tania Martini von der Tageszeitung erkennt darin einen Trick. Aber entgegen der beiden männlichen Autoren macht sie sich zumindest die Mühe eine Begründung für ihre Meinung zu finden. „Schon die wörtliche Herleitung von „Manifest“ und „Deklaration“ ergibt diese Trennung nicht. Bedenkt man, dass Manifest „etwas handgreiflich machen“ heißt und Deklaration nicht nur mit „Kundmachung“, sondern auch mit „Offenbarung“ übersetzt werden kann, relativieren sich die Unterschiede sehr“ (Martini 2013).

Aber auch Martinis Begründungsversuch greift ins Leere. Bei dem Text handelt es sich tatsächlich um eine Deklaration. Die Unterscheidung zwischen Deklaration und Manifest ist dabei aber nicht semantisch, sondern historisch und performativ begründet.

Hardt und Negri stellen Demokratie eindeutig in die Tradition des intellektuellen Schaffens von Karl Marx und Grenzen es gleichzeitig davon ab. Es geht dabei aber nicht vorrangig um eine Denktradition – Hardt und Negrie sind eindeutig einer neomarxistischen Denktradition zu zurechnen – sondern um eine Handlungstradition. Ebenso wie Karl Marx mit dem Kapital haben sie mit Empire und ihren folgenden Werken wissenschaftliche Werke auf höchsten Niveau geschrieben. Entgegen der weit verbreiteten Meinung, die auf dem von Slavoj Zizek geschriebenen Klappentext basiert, ist Empire und die folgenden Werke eben nicht mit dem Kommunistischen Manifest zu vergleichen, sondern mit dem Kapital. Denn ebenso wie Karl Marx mit dem Manifest der kommunistischen Partei haben sie mit Demokratie einen politischen Text geschrieben, der sich an ein allgemeines, nicht bildungsbürgerliches globales Milieu richtet. Während sie es aber auf der Handlungsebene Marx gleichtun, grenzen sie sich auf der intellektuellen Ebene von ihm ab.

Das Manifest der kommunistischen Partei sollte das Gründungsdokument einer Partei und damit einer Organisation sein. In dem u. a. die Ziele Partei, wie „die Bildung des Proletariats zur Klasse“ (Marx, Engels (orig.) 1848), dargelegt wurden.

Demokratie oder besser Deklaration bricht an dieser Stelle mit der marxistischen Tradition. Entgegen den Zielen des Manifests geht es Demokratie/Deklaration nicht um die Gründung einer Organisation. Hardt und Negri berufen sich auf eine andere Handlungstradition, die der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten im Original Declaration of Indipendence.

Wie Thomas Jefferson und die restlichen Mitglieder des Vorbereitungskommitees die 13 britischen Kolonien 1776 für unabhängig erklärten, erklären sie die weltweit verteilten Protestbewegungen für unabhängig von den Nationalstaaten, in denen die Proteste stattfinden und deklarieren sie zu den Gründungsvätern und -müttern einer neuen politischen Ordnung jenseits des Nationalstaates. Die Frage, ob es sich um ein Manifest oder eine Deklaration handelt, ist eben keine der literarischen Gattung, sonder eine der Performatitivität der Sprache. In dem Michael Hardt und Antonio Negri die Protestbewegungen als Frei deklarieren, stellen sie sich an die Spitze dieser Bewegung.

Diese Form der Führung ist aber keine dauerhafte, die mit einem klassischen Verständnis von Hierarchie zu erfassen ist. Es ist nur eine temporäre. Es ist die Führung innerhalb der flexiblen Hierarchien eines Netzwerkes, in dem die Bedeutung von Menschen keine Frage der Position, sondern der aktuellen Leistung ist. Diesen Führungsanspruch unterstreichen sie auch durch die Preispolitik ihres Werkes. Während die deutsche Ausgabe mit 12,90 für ein schmales Bändchen von 127 Seiten und billigster Verarbeitung sehr teuer ist, bieten die Autoren ihr Buch im Original als E-Book für den symbolischen Preis von einem Euro an.

Die falsche Einordnung des Werkes und die Kritik der KritikerIn (Fortsetzung der Diskussion)

Die falsche Einordnung des Werkes geht aber über die eines, nennen wir es einfach mal in einem postmodernen Sinne, politischen Genrés hinaus. Das es sich bei Demokratie/Deklaration um einen politischen Text handelt haben sie ja im Prinzip auch durch ihre falsche Einordnung des Textes als Mainifest verstanden und bedauern es. Dennoch legen sie die Maßstäbe eines wissenschaftlichen Textes an und bezeichnen Hardt und Negris, in den Begriffen der deutschen Übersetzung, Rollen-Typologie als „undifferenziert“ (Piorkowski 2013), ihre Ideologie „als eine Welt mit der Axt zusammengehauen“ (Misik 2013), oder sehen im Titel des Originals Deklaration eine Selbstverortung der Autoren, die ihre politische Theorie vor dem Leid aller politischen Theorien bewahren soll, das eine über allem stehende Sprecherposition erkenntnistheoretisch nicht zu legitimieren sei (Martini 2013). Das ist sicher das Leid aller, auch naturwissenschaftlicher Theorien, aber Demokratie/Deklaration ist eben keine politische Theorie, die den Anspruch hat Wirklichkeit zu beschreiben und zu erklären, sondern eben Deklaration, die sich wie Theorien Wirklichkeitsbeschreibungen, aber auch Utopien zu nutze macht um die bestehende Wirklichkeit zu verändern. Wer ein genaueres Bild dieser Wirklichkeit braucht, kann ja immer noch in den anderen Werken der Autoren nachschauen oder sich ganz andere Quellen zu nutzen machen. Dies ist aber nicht die Aufgabe von Demokratie/Deklaration.

Weitere Kritikpunkte der Rezipienten

Einige der Kritikpunkte lassen sich leicht durch die falsche Einordnung des Textes durch die KritikerIn erklären, aber nicht alle. Insgesamt werden vier weitere Hauptkritikpunkte genannt, die es ernst zu nehmen gilt. Diese sind die Kritik am Rollenbegriff der deutschen Übersetzung, die Kritik an der Systematisierung der unterschiedlichen globalen Protestbewegungen unter dem gemeinsamen Dach der Multitude, die Kritik am Lob der Führungslosigkeit der Bewegungen und das Fehlen konkreter Handlungsvorschläge.

Die Kritik am Rollenbegriff der deutschen Übersetzung

Der am einfachsten zu entkräftende Kritikpunkt ist die von Tania Martini geäußerte Kritik an der deutschen Übersetzung des Begriffs der subjectivities durch den Begriff der Rollen:

Sprechen Hardt und Negri im Original von Subjektivitäten, so entschied man sich im Deutschen für „Rollen“. So als könne man Rollen einfach annehmen und ablegen und als wären die Subjekte nicht ihrer eigenen Identität verhaftet“ (Martini 2013).

Mit Sicherheit ist die Martinis Übersetzung von subjectivities durch Subjektivitäten dem Rollenbegriff der deutschen Übersetzung vorzuziehen, aber zumindest in der soziologischen Tradition und dem Theater, aus dem die Soziologen den Begriff entlehnt haben, hat der Rollenbegriff nichts mit einem „Voluntarismus“ zu tun. In der strukturfunktionalistischen soziologischen Tradition nach Ralph Dahrendorf (Dahrendorf 1972), steht der Rollenbegriff geradezu für die sozialen Zwänge, die die Gesellschaft auf die Individuen ausübt. Wer die Erwartungen an seine Rolle erfüllt wird belohnt, oder zumindest nicht bestraft, wer sie nicht erfüllt, wird aber gnadenlos bestraft.

Aber auch in der voluntaristischeren Tradition der Wissenssoziologie nach Peter Berger und Thomas Luckmann (Berger und Luckmann 1980) dienen die, durch Rezeptwissen institutionalisierte Rollen das Verhalten von Menschen innerhalb von Institutionen zu kontrollieren. Und selbst im Theater werden Rollen durch das geschriebene Stück und dem Bühnenregisseur zwar nicht determiniert, aber für den Schauspieler eingeschränkt.

Der Rollenbegriff hat also in keinster Weise einen voluntaristischen Aspekt, den es zu kritisieren gilt. Dennoch ist die Begriffswahl der deutschen Übersetzung recht unglücklich. Martinis Vorschlag der Subjektivitäten ist mit Sicherheit die beste Wahl, wenn auch im deutschen Sprachraum recht unüblich. Ein Kompromiss zwischen originalgetreue und deutschsprachiger Tradition liegt im Begriff der Mentalitäten.

Im Kern zielt Martinis Kritik aber auf den Voluntarismus des Originals. Aber auch dieser Kritikpunkt zielt eigentlich ins Leere. An keiner Stelle des Buches behaupten Hardt und Negri das es leicht ist sich dieser Subjektivitäten zu entledigen. Vielmehr hat „der Triumph des Neoliberalismus und seine Krise […] die Wirtschaft und Politik von Grund auf verändert. Aber auch auf gesellschaftlichem und menschlichen Gebiet haben sie gewaltige Umwälzungen bewirkt und neue Rollen hervorgebracht. Die Vorherrschaft des Finanzwesens und der Banken hat „die Verschuldeten“ geschaffen. Die Kontrolle über Informations- und Kommunikationsnetze hat „die Vernetzten“ erzeugt. Das Regime der Überwachung und der allgemeine Ausnahmezustand haben Subjekte hervorgebracht, die in Angst leben und sich nach Schutz sehnen: „die Verwahrten“. Und die Korruption der Demokratie hat sonderbare, entpolitisierte Subjekte geschaffen: „Die Vertretenen“. Diese vier Rollen bilden die die gesellschaftliche Landschaft, von der die Widerstandsbewegungen aus- und gegen die sie angehen müssen.“

Hardt und Negri erkennen in Ihnen aber auch das Potential, dass „sie [sich] auch in ihr Gegenteil verkehren und neue Subjekte hervorbringen [können], die zu unabhängigen Leben und Handeln fähig sind“.

Diese Fähigkeit liegt dabei aber mit Nichten allein in dem Willen des Individuums begründet, sondern bedarf des Zusammenschlusses zu einer Gemeinschaft.

Dieser Zusammenschluss zu einer Gemeinschaft führt uns zum nächsten, dem vielleicht wichtigsten Kritikpunkt.

Zum zweiten Teil:

Die Kritik an der Systematisierung der unterschiedlichen globalen Protestbewegungen unter dem gemeinsamen Dach der Multitude

Ankündigung:

Eine um eine Kurzzusammenfassung erweiterte, überarbeitete und Korrekturgelsene Fassung des Artikels erscheint im Verlauf der nächsten Wochen als e-book bei Amazon Kindle zum symbolischen Pres von einem Euro. Dort ist bereits mein Essay “Das literarische Wissen” erschienen.

Literatur:

Berger, Peter L.; Luckmann, Thomas (1980): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch.

Dahrendorf, Ralf (1972): Homo sociologicus. Ein Versuch zur Geschichte, Bedeutung und Kritik der Kategorie der sozialen Rolle. 11. Aufl. Opladen: Westdt. Verl. (UTB, 28).

Hardt, Michael; Negri, Antonio (2002): Empire. Die neue Weltordnung. Frankfurt [u.a.]: Campus-Verl.

Hardt, Michael; Negri, Antonio (2013): Demokratie! Wofür wir kämpfen. Frankfurt, M, New York, NY: Campus-Verl.

Martini, Tania (2013): „Demokratie!“ von Negri & Hardt: Gefangen im Manifest. Die Tageszeitung. Online verfügbar unter http://www.taz.de/!112677/#send-comment, zuletzt aktualisiert am 13.03.2013, zuletzt geprüft am 29.03.2013.

Marx, Karl (1989): Das Kapital. Kritik der politischen Oekonomie. versch. Aufl. Berlin: Dietz.

Marx, Karl; Engels, Friedrich (2005 (orig. 1848)): Manifest der Kommunistischen Partei. Paderborn: Voltmedia.

Misik, Robert (2013): „Demokratie“: Romantisches Theorie-Brimborium. Frakfurter Allgemeine Zeitung. Online verfügbar unter http://www.fr-online.de/literatur/-demokratie–romantisches-theorie-brimborium,1472266,21968466.html, zuletzt geprüft am 29.03.2013.

Piorkowski, Chrsitoph David (2013): In der Schwitzhütte des Diskussionszeltes. Süddeutsche Zeitung.

© Philipp Adamik 2013

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