Michael Hardt und Antonio Negri “Demokratie” (2013). Eine rezeptionsanalytische Kritik. Teil II.

Zum ersten Teil:

Die Kritik an der Systematisierung der unterschiedlichen globalen Protestbewegungen unter dem gemeinsamen Dach der Multitude

Einer der Hauptunterschiede zwischen Demokratie/Deklaration und dem Manifest der kommunistischen Partei ist die Stellung des revolutionären Subjekts. Während im Manifest die Bildung des proletarischen Klassenbewusstseins und die Vereinigung der Proletarier aller Länder erklärte Ziele sind, haben Hardt und Negri in den weltweiten Protestbewegungen ihr revolutionäre Subjekt, die Multitude bereits erkannt.

Für Hardt und Negri existiert die Multitude dabei gleichzeitig in zwei Seins-, bzw. temporalen Zuständen:

1) Die ontologische/ewige Multitude als das aktuelle revolutionäre Subjekt, welches sich im hier und jetzt der Autorität und dem Kommando verweigert.

2) Die utopische/zukünftige Multitude, die sich aufgrund eines zukünftigen politischen Projekts als globales revolutionäres Subjekts formiert (vgl. Hardt und Negri 2004, S. 248).

Theoretisch ist diese “doppelte Zeitlichkeit, [des] immer schon und noch nicht” (ebd.) der Multitude und damit das theroetische Konstrukt der Mulitude nicht angreifbar. Angreifbar wird sie nur, entsprechend der Konvergenztheorie, im empirischen, wenn die Realisierungsgrad der ontologische Multitude an der utopischen Mulitude des politischen Projkets gemessen wird.

“Diese zweite Multitude ist politisch, und es bedarf eines politischen Projekts, um sie auf der Grundlage dieser Vorraussetzungen entstehen zu lassen” (ebd.).

Das politische Projekt, das Hardt und Negrie in Demokratie/Deklaration formulieren könnte kaum ambitionierter sein, es geht um die “Begründnung einer neuen Gesellschaft” (Hardt und Negri 2013, S. 7)

An dieser emprischen Übereinstimmung zwischen den realen Protestbewegungen und der utopischen Protestebwegung, die eine neue Gesellschaft formiert und nicht nur ihre korrektiven Funktionen in der Demokratie ausführt, setzt die Kritik der KritikerIn an.

„Dass nun in der Deklaration diese globale Multitude sich gleichermaßen aus den Revoltierenden in Ägypten wie auch aus den Occupy-Campern in New York oder Frankfurt zusammensetzt, klingt befremdlich und lässt vermuten, dass die sozialen, politischen und ökonomischen Voraussetzungen derer, die sich rund um den Globus auf den Straßen befinden und die ja unterschiedlicher kaum sein könnten, unter den Teppich gekehrt werden“ (Martini 2013).

Hardt und Negri leugnen diese Unterschiede dieser Protestbewegungen nicht, vielmehr sehen sie in dieser Pluralität sogar eine Stärke, die auf der Basis von kooperativen und föderativen Vorstellungen ein Modell der Demokratie hervorbringt, „in der Unterschiede miteinander interagieren und sich zu einem Gemeinsamen zusammensetzen“. Sie beschreiben aber auch explizit drei Gemeinsamkeiten:

1. Die Strategie der Protestcamps und der Besetzungen,

2. Die hierarchielose Struktur der Multitude,

3. Der Kampf um das Gemeindeeigentum.

Auch wenn diese drei Punkte für Hardt und Negri wichtig erscheinen, sind sie aus einer soziologischen Perspektive für die Beschreibung eines globalen sozialen Protestmilieus recht belanglos. Zwei andere beschriebene Phänomene sind allerdings wesentlich bedeutsamer. Dies ist zum einem die Binnenkommunikation zwischen den einzelnen Protestbewegungen, die sich vor allem in der Übernahme gemeinsamer Methoden der Entscheidungsfindung äußert und, der entscheidendste Faktor, eine gemeinsame Basis von Werten.

„In dieser Situation haben verschiedene politische Bewegungen, vor allem die Protestcamps des Jahres 2011, neue Grundsätze formuliert, die für künftige Verfassungen von großer Relevanz sind.

Diese Grundsätze stellen einen Konsens her und sind die Grundlage eines neuen Verfassungsprojektes. Wir sind überzeugt, dass nur ein Verfassungsprozess, der auf dem Gemeinsamen basiert, eine echt Alternative bietet und wir halten folgende Wahrheiten für selbstverständlich: das alle Menschen gleich sind, dass sie im politischen Kampf gewisse unveräußerliche Rechte errungen haben, dass dazu nicht nur Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören, sondern auch der freie Zugang zu Gemeinschaftsgütern, die gerechte Verteilung des Reichtums und die Nachhaltigkeit des Gemeinsamen“.

Beide Punkte zusammen ergeben aus der Perspektive der Soziologie zwei harte Indikatoren um von einem globalen sozialen Milieu zu sprechen. Ob dies nun Multitude genannt wird oder neutraler – aber nicht neutral – globales Protestmilieu, ist dabei nur eine Frage des wissenschaftlichen Geschmacks.

An diesem Punkt wäre aus einer wissenschaftlichen Perspektive heraus allerdings härtere Fakten wünschenswert. Die Interpretation der Protestbewegung durch die Beobachtung der beiden Autoren ist als empirisches Datum für die Verkündung eines globalen Protestmilieus schlicht nicht ausreichend.

Diesen empirischen Anspruch muss eine Deklaration aber auch nicht leisten. Die gemeinsamen Werte können auch erst durch die beiden Autoren geschaffen, oder besser durch sie und ihr Buch in die unterschiedlichen sozialen Bewegungen implementiert werden. In diesem Punkt erheben sie und das durchaus bewusst, den Führungsanspruch, den Ihnen die KritikerIn absprechen und schmerzlich vermissen. Explizit geht es Ihnen „darum einen Verfassungsprozess anzustoßen, der den neuen Beziehungen einerseits Struktur und Festigkeit verleiht, aber andererseits weitere Veränderungen zulässt und für die Wünsche der Multitude offenbleibt.“

Die Kritik am Lob der Führungslosigkeit der sozialen Bewegungen

Bereits mehrfach angesprochen wurde die Kritik, die ausschließlich von den beiden männlichen Kritikern geäußert wurde, dass Michael Hardt und Antonio Negri das Fehlen von konkreten Führungspersönlichkeiten gut heißen, bzw. das sie sich konkreter Handlungsvorschläge verweigern. Beide Kritikpunkte zielen in die selbe Richtung und beiden Kritikpunkten liegt das selbe Organisationsmodell zu Grunde.

Die Kritiker wünschen sich die klare Organisationsstruktur der Hierarchie inklusive einer klaren Führungsstruktur, die hauptsächlich auf einer zentralisierten command-and-controll-logic beruht. Diese Wünsche der beiden Kritiker zielen in eine Richtung, die der Intention des Textes vollkommen zu wieder laufen.

Hätten Hardt und Negri noch konkretere Vorschläge formuliert, als ein Wertesystem und dem Entwurf einer Verfassung hätten sie sich hierdurch tatsächlich an die Spitze der Bewegung gesetzt. Sie würden aber dadurch der Intention ihres Buches und dem, von ihnen ermittelten kollektiven Willen nach einer direkten demokratischen Entscheidungsfindung und der Weigerung Führungspersonen zu akzeptieren, zuwider handeln. Diese Praxis hätte ihr Buch auf die niedrigste Stufe größerer Ideensysteme, den reinen Ideologien oder Dogmen geworfen und der Weg in dem Mülleimer der Geschichte wäre noch das beste, was ihrem Buch hätte wieder fahren können. Michael Hardt und Antonio Negri sind sich dieser Konsequenzen aber wohlweislich bewusst und vermeiden es auf vorbildliche Weise.

Dennoch führen, wie bereits oben ausgeführt, Hardt und Negri die Bewegung an. Diese Führung ist aber in eine andere Organisationsstruktur, die des Netzwerks eingebunden. (Eine ausführliche Definition und Visualisierung des Netzwerkbegriffes nach Manuel Castells ist unter diesem Link zu finden.)

Innerhalb von Netzwerken können Menschen und Organisationen, abstrakter gesprochen Knoten, temporär sehr wichtige Positionen einnehmen, aber, und das ist ebenso wichtig, diese auch sehr schnell wieder verlieren.

Sollte Demokratie/Deklaration innerhalb der global verstreuten und unterschiedliche Ziele verfolgenden Protestbewegungen breit rezipiert werden – die technologischen Bedingungen dafür sind vorhanden und der symbolische Preis von einem Euro des englischen E-Books unterstützt eine massenhafte Verbreitung – könnte Deklaration/Demokratie den von den Autoren gewünschten wichtigen Beitrag zur „Strukturierung und Verfestigung“ der globalen Protestbewegungen leisten. Dies lässt sich aber nur in der historischen Rückschau beurteilen, aber die Möglichkeit besteht.

Was am Ende bleibt

Hier geht es zum Fazit

Ankündigung:

Eine um eine Kurzzusammenfassung erweiterte, überarbeitete und Korrekturgelsene Fassung des Artikels erscheint im Verlauf der nächsten Wochen als e-book bei Amazon Kindle zum symbolischen Pres von einem Euro. Dort ist bereits mein Essay “Das literarische Wissen” erschienen.

Literatur:

Berger, Peter L.; Luckmann, Thomas (1980): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch.

Dahrendorf, Ralf (1972): Homo sociologicus. Ein Versuch zur Geschichte, Bedeutung und Kritik der Kategorie der sozialen Rolle. 11. Aufl. Opladen: Westdt. Verl. (UTB, 28).

Graeber, David (2012): Occupy Wall Street’s anarchist roots. Al Jazeera IT. Online verfügbar unter http://www.aljazeera.com/indepth/opinion/2011/11/2011112872835904508.html, zuletzt aktualisiert am 02.04.2013, zuletzt geprüft am 02.04.2013.

Hardt, Michael; Negri, Antonio (2002): Empire. Die neue Weltordnung. Frankfurt [u.a.]: Campus-Verl.

Hardt, Michael; Negri, Antonio 2004: Mulitude: Krieg und Frieden im Empire. Frankfurt [u.a.]: Campus-Verl.

Hardt, Michael; Negri, Antonio (2013): Demokratie! Wofür wir kämpfen. Frankfurt, M, New York, NY: Campus-Verl.

Martini, Tania (2013): „Demokratie!“ von Negri & Hardt: Gefangen im Manifest. Die Tageszeitung. Online verfügbar unter http://www.taz.de/!112677/#send-comment, zuletzt aktualisiert am 13.03.2013, zuletzt geprüft am 29.03.2013.

Marx, Karl (1989): Das Kapital. Kritik der politischen Oekonomie. versch. Aufl. Berlin: Dietz.

Marx, Karl; Engels, Friedrich (2005 (orig. 1848)): Manifest der Kommunistischen Partei. Paderborn: Voltmedia.

Misik, Robert (2013): „Demokratie“: Romantisches Theorie-Brimborium. Frakfurter Allgemeine Zeitung. Online verfügbar unter http://www.fr-online.de/literatur/-demokratie–romantisches-theorie-brimborium,1472266,21968466.html, zuletzt geprüft am 29.03.2013.

Piorkowski, Chrsitoph David (2013): In der Schwitzhütte des Diskussionszeltes. Süddeutsche Zeitung.

© Philipp Adamik 2013

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11 thoughts on “Michael Hardt und Antonio Negri “Demokratie” (2013). Eine rezeptionsanalytische Kritik. Teil II.”

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