Von der Schreibmaschine zum Netz von Kyrosch Alidusti

Der Gastbeitrag von Kyrosch Alidusti erschien ursprünglich hier auf seinem Blog Punkgebte.

Man kann nicht so tun, als sein das Internet und seine Verbreitung naturwüchsig erfolgt. Vielmehr stehen und standen dahinter zahlreiche politisch und wirtschaftlich motivierte Konzepte und Initiativen der unterschiedlichsten Akteure. Ob die Wirtschaft bzw. Cafe mit WLAN-Anschluss oder die EDV unterstützte Produktion, die Ökonomie ist längst online.

Martinson: Ein bisschen mehr Ahnung könntest du von diesen Dingern schon haben.
Wallander: Mein Gott, ist doch nur eine bessere Schreibmaschine.
Martinson:
Du benutzt als ihn nur als bessere Schreibmaschine.
(Henning Mankell: Die Brandmauer, Hörspiel 2007)

Kyrosch Alidusti
Kyrosch Alidusti

Die Schreibmaschine ist die mechanische Weiterentwicklung des Stifts. Mit ihr kann man nichts anderes machen, als Schreiben, unabhängig vom Inhalt. Der Personalcomputer war für viele, wie für die Krimifigur Kurt Wallander 1998, das Erscheinungsdatum des Krimis in Schweden, tatsächlich eine erweiterte Schreibmaschine. Für mich war 1998 das Jahr, als ich begann verstärkt im Internet zu paddeln, von surfen konnte man noch nicht sprechen. Das Sammeln von Informationen und die Nutzung von Email erweiterte so meine Rezeptions- und Kommunikationsmöglichkeiten. Bis heute ist für mich der Computer und das Internet hauptsächlich eine Kommunikationsplattform.

Mit dem Online-Banking (irgendwann 2004) und der Möglichkeit des digitalen Einkaufens kam allerdings auch ersten ökonomischen Aspekte mit ins Spiel und mittlerweile ist mein Fernseher online und meine Videothek heißt amazon prime. Genauso wie audible.de, die Plattform auf der ich das Hörspiel kaufte, zu amazon gehört. Und wie mich früher der Tabakladenbesitzer um die Ecke mit Namen begrüßen konnte, tut dies nun amazon und zeigt mir aufdringlich, was mich noch interessieren könnte. Für andere war der Ausdruck Rechner eine viel naheliegendere Bezeichnung, da der Computer auch im Büro Einzug erhielt und heute je nach Einsatzgebiet kalkuliert, in der Logistik Bestände verwaltet und selbstständig Börsentransaktionen und vieles mehr durchführen kann.

Politik, Gesellschaft und Internet

photo credit: Anna L. Schiller via Photopin cc
photo credit: Anna L. Schiller via Photopin cc

Diese Zwischenüberschrift ist eigentlich verkehrt. Man darf eben nicht von der Annahme ausgehen,„man könne das Internet als autonomen Raum betrachten, der den Gesetzen des kapitalistischen Marktes nicht unterliege.“ Dies 1999 richtig gesehen zu haben, hebt Peter Glotz Michals Ansicht nach aus den theoretischen Durchdringungen der Netzgemeinde zum Thema Internet heraus, wie er in seiner Huldigung auf Peter Glotz im Freitag schrieb. Es gibt aber auch weitere Arbeiten, die auf diesen Zusammenhang verweisen. Dies beruhigt mich insofern auch, als Michals intellektueller Held bekanntermaßen eine große Nähe zum neoliberalen Think Tank Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft pflegte, und ich ihn deshalb ungern als Gewährsmann annehmen würde.

“Neben empirischer Analyse der Auswirkungen neuer Technologien auf die Gesellschaft, sind Kategorien notwendig, die erlauben, Wesen, Akteure, Strukturen, Dynamiken dieser Veränderungen zu beschreiben und den gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang, in dem neue Technologien stehen, zu erfassen und zu begründen. Es mangelt insgesamt noch an großen Theorien, die sich mit dem Zusammenhang von neuen Medien und Gesellschaft auseinandersetzen, und Beiträge zur Begriffsklärung leisten. Dies ist umso wichtiger, da es in diesem Kontext viele ungeklärte Begriffe gibt (z. B. Internetökonomie, digitale Demokratie, Cyberkultur, virtuelle Gemeinschaft, Cyberlove, eParticipation, eGovernment, eGovernance, Cyberprotest, Onlinejournalismus, Social Software, Web 2.0, etc.).[…] Das heißt, dass zum Verständnis dessen, wie sich etablierte Kategorien durch IKT (Informations- und Kommunikationstechnologien, K.) wandeln, bestehende Theorien angewendet und weiter ausgebaut werden.“ (59)

Die Untersuchung von Christian Fuchs, deren Ankündigung ich hier zitiert habe, ist 2008 unter dem Titel Internet and society: Social theory in the information age“ erschienen und kann online in Teilen eingesehen werden. Ich könnte also eigentlich an dieser Stelle meine eigenen Überlegungen einstellen, aber ersten bin ich zu selbstverliebt, zweitens kann ich nur auf das Buch verweisen und habe es nicht gelesen und drittens, ist hat die Diskussion , wie sie ansatzweise bei Carta geführt wurde, m.M. erneut Verkürzungen gezeigt.

Aber nochmal: ich sammle hier nur lose Enden, weiterspinnen müssen andere.

Ökonomie

Die Ideen eines geistigen Eigentums, von Patentwesen und Wissensmanagement sind die eines intellektuellen Materialismus, der sich auch selbst beschränkt, eine neue Ordnung mit und durch mehr gleichmäßig verteilte Information zu denken.

Ich habe dieses Zitat nicht ausgewählt, um die oder den AutorIn vorzuführen, sondern um darauf hinzuweisen, dass die Idee von der Kommunikationsplattform, wie ich meine eigene Vorstellung nannte, nicht auf mich beschränkte ist und falsch ist sie auch nicht ganz. Verbindet man sie wie der Leser dies möglicherweise getan hat, mit der Industriespionage, hat diese Form des sharens von Informationen über das Netz gehörig ökonomisches Gewicht. Staatstragend und etwas zynisch hat dies Spiegel-online verpackt:

Sie sind unersättlich: Beim Sammeln von Daten haben die IT-Experten vom US-Geheimdienst NSA jeden Rahmen gesprengt. Entsprechend groß ist jetzt der Argwohn, die privaten Informationen könnten auch zu ganz anderen Zwecken verwendet worden sein als nur zur Terrorabwehr – nämlich zur Wirtschaftsspionage.

Die Sammelleidenschaft aus Gründen der Terrorabwehr kann der Redakteur scheinbar noch nachvollziehen, nicht jedoch „zur Wirtschaftsspionage“ und der Vorsitzende der CSU-Mittelstands-Union Hans Michelbach befürchtet im gleichen Artikel, dass die NSA „insbesondere deutsche Unternehmen gezielt ausspionierten, um den USA “unlautere Vorteile” zu verschaffen. Das wäre ja böse.

Eine andere Art der Informationsverarbeitung ist die Börse, zugleich gehen die Anwendungen der Computer und Netze darüber hinaus. Neben der Computerbörse, in die Computer zu quasi-Wirtschaftssubjekten werden, hat das Internet aber auch den Wertpapier und vor allem Devisenhandel verändert.

Der Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts Thomas Straubhaar sieht diese Entwicklung (2007) eher zweckrational. „Dieser wachsende Markt aus Informationsmanagement und -sicherheit stellt das Gegengewicht zu den Vorteilen des Internet dar, bedeutet aber auch, positiv gewendet, neue Jobs und neue Märkte.“ Jörg Huffschmid, Autor des Buches „Politische Ökonomie der Finanzmärkte“ (2002) betont zunächst einmal, dass die politische Entscheidung zur „Beendigung des Festkurssystems von Bretton Woods Mitte der 70er Jahre dazu geführt, dass die nunmehr freigegebenen Wechselkurse starken Schwankungen ausgesetzt waren.“(S. 45). Ohne diese Freigabe könnten zumindest die Währungsspekulationen, selbst per Computer wenig anrichten. Unbeschadet davon bleibt allerdings der Aktienhandel, der sich auf andere Bereiche erstreckt. Als die Finanzmärkte in der Folge bereits weitgehend liberalisiert waren, eröffneten die Netze neu Möglichkeiten an den Märkten,auf denen – mit Hilfe der modernen Kommunikations- und Informationstechnologie – jederzeit sehr große Beträge ohne Behinderungen von einem Land in andere Länder über- führt werden können“, wie Huffschmid in den WSI-Mitteilungen 2002 ausführt. Altvater und Mahnkopf sprechen in diesem Zusammenhang von einer „Raum-Zeitkompression“ (eig. Herv.), der „telekommunikativ vernetzten (Geld)marktplätze[..].“ (Grenzen der Globalisierung, 4. Aufl.1999, S. 60).

Die Frage, die möglicherweise etwas arg akademisch ist, jedoch den Ausgangspunkt bildete, nämlich zur Theorie des Internets im Kapitalismus, müsste nun lauten: Ist das Internet lediglich der Dampfantrieb des 22. Jahrhunderts, oder ist eine neue Qualität des Kapitalismus entstanden?

Der Name „Kasino-Kapitalismus“, der in einem ähnlichen Kontext entstand, verweist ja bereits auf die spekulativen Momente der Börse, wenn auch nicht direkt auf den Einfluss des Netzes darauf.

Den Aspekt der Kapitalströme im Internet und damit war neben dem Onlinebanking sicher auch das Finanzkapital gemeint, wurde in den Kommentaren auf Carta angesprochen. Fritz schrieb:

Die >politische Ökonomie< des Internet-Kapitalismus scheint mir im übrigen schon deshalb verwickelt, weil im Netz Kapital zunächst nicht mehr die Bedeutung besitzt wie in den klassischen Industrien, aber im Netz gewaltige Cashflow-Ströme erzeugt werden können, wann immer globale Bedürfnisse angestochen werden.“

Der erste Teil der Feststellung scheint mir jedoch fraglich, zumindest, wenn man die Industrie rund ums Netz, d.h. sowohl die Hardware- als auch die Softwareanbieter mit betrachtet. Die Konzentration der Software- bzw. Web 2.0 Dienstleister scheint ja gerade Spitzenkaufpreise zu generieren und wenn Handyhersteller dichtmachen, weil sie den Trend zu Smartphone verschlafen, zeugt dies ebenfalls davon, dass in der analogen Welt rund ums Netz bedingt ein Unterschied zu Konzentrationsbewegungen in anderen Wirtschaftssegmenten herrscht. Unklar bleibt jedoch zum Teil, wie sich die Investitionen amortisieren sollen. Allerdings sollen hierbei längerfristige Strategien eine Rolle spielen.

Eine gesellschaftliche Folge des Internets, die ich schon im ersten Beitrag angeschnitten habe, ist die steigende Zahl von Freelancern. Beim Wort Freelancer fällt mir immer Lancelot, der Recke an Artus Tafelrunde ein. Ein Blick in Wikipedia zeigt, dass meine Assoziation von (Glücks-)Ritter tatsächlich nicht verkehrt ist. „Der englische Begriff wurde von Sir Walter Scott (1771–1832) geprägt, der ihn in seinem Roman Ivanhoe als Bezeichnung für mittelalterliche Söldner verwendete (englisch lance; zu deutsch ‚Lanze‘).“ Auf jeden Fall hört sich das schöner an als freier Mitarbeiter.

„Freelancer findet man in fast allen Bereichen. Da derzeit ein richtiger Boom im Internet, in Werbungen und Foren herrscht, suchen viele Unternehmen gerade schreibende Funktionen. Viele Freelancer schreiben Texte, Anzeigen oder konzipieren Webseiten für die unterschiedlichen Betriebe.“

Dieser Textauszug von freelancerwelt.de vermittelt fasst schon ein wenig, das Flair des freien, ungebundenen Lebens. Ab ins Internet und losgeschrieben! Die kalifornischer Ideologie wird hier in ihrer ökonomischen Gestalt mit einem Schuss alternativ-Kreativem erneut erzählt. Abgesehen davon, dass im gleichen Text auch auf die Tücken des Selbstständigen verwiesen wird, scheint dieses jobvagabundierende Leben für viele anziehend. Natürlich gab es schon vorher Privatgelehrte, freie Künstler und auch freie Mitarbeiter, dass das Söldnertum zum Ziel wird, ist, zumindest außerhalb der Schlachtfelder, eher neu.

Aber die Freelancer sind das letzte Glied der Kette der Ausgliederungen. Bereits vorher hatten die Unternehmen durch Auslagerung ihrer einzelner Unternehmensteile neue Strukturen geschaffen. Seit 2000 bzw. 2001 findet sich der Begriff „outsourcen“ auch im Duden, was als Hinweis die Häufigkeit der Verwendung des Wortes und damit des Diskurses um dieses betriebswirtschaftliches Konzept gedeutet werden kann. Tatsächlich wurde in den 90er Jahren eine Unternehmenspolitik verfolgt, die „Funktionen und Kompetenzen“, die früher innerhalb der Stammbelegschaft vorhanden waren, „auf rechtlich selbstständige Betriebseinheiten, Zulieferer, Existenzgründer und angestellte >Wissensarbeiter< verlagert […], die einem SOHO (Small Office/Home Office) arbeiten.“ (Altvater/Mahnkopf, a.a.O, 320). Während vielfach unter diesen KreativarbeiterInnen nur an die TexterInnen gedacht wird rufen Mahnkopf und Altvater in Erinnerung, dass „(m)it dem entsprechenden Equipment und der richtigen Organisation [sich] auch die Aufgaben von Architekten , Programmierern, Forschern und Servicetätigkeiten wie Wartung und Vertrieb außerbetrieblich durch autonome Einheiten erledigen“ lassen (S. 320). Und dass sich diese „Servicekräfte“ und Zulieferer nicht wesentlich von anderen unterscheiden, darauf weisen sie auch hin.

Hinzu kommt, dass der Output des Informationssektors, der erheblich stärker als der Produktionssektor wächst, nur zum geringen Teil in Haushalten und zum größeren Teil in der Industrieproduktion Verwendung findet. Die hardware und die software der entmaterialisierten Informationstechnologien dienen folglich zu einem beträchtlichen Teil der materiellen Produktion. Zugleich zeigt es sich, dass industriell erzeugte Produktionsmittel für den Informationssektor den am schnellsten wachsenden Warenstrom bilden“. (Altvater/ Mahnkopf, S. 326)

Die Teilung der Wirtschaft in on- und offline ist eine künstliche. Die online bestellte Pizza muss genauso im Restaurant gebacken, in einem mit Benzin getankten Auto oder Moped geliefert und und mit Geld bezahlt werden. Wobei letzteres auch mit E-Monet funktioniert. Aber auch nur deshalb, weil und wenn ausreichend tatsächliche Währung in Scheinen und Münzen vorhanden sind, um den täglichen Barbedarf der Bankkunden zu decken. Solange man von der virtuellen Pizza nicht satt wird, um im Bild zu bleiben und sich das Notebook nicht selber schreibt, gibt es den Übergang von der einen in die andere Welt: Analog zu digital und umgekehrt. “Spätestens wenn sich der froschgrüne Fuhrpark des neuen Lebensmitteldienstes >Amazon Fresh< auf Deutschlands Straßen in Bewegung setzt, dürfte es auch den Handelsbaronen der Discounter dämmern, dass kein stationäres Geschäfts-modell vor den Online-Angreifern sicher ist”, wettet Gunnar Sohn.

Fortsetzung folgt …

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