Lit-Cologne: Diedrich Diederichsen

“Ganze Generationskohorten von Pop-Fans hat Diedrich Diederichsen angeregt und aufgestört: Über Pop-Musik ist das Ergebnis seines lebenslangen Nachdenkens über Pop”, war zu der Veranstaltung “Besserwissen II: Über Popmusik – Diedrich Diederichsen trifft Rainald Goetz” im Programm der Lit-Cologne zum gestrigen Abend zu lesen. Rainald Goetz  führte als Freund und Fan des Pop-Professors durch den Abend.

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litcologne: “D. Diederichsen trifft R. Goetz” Copyleft kultgenosse

Als Moderator des Abends war es an Rainald Goetz Diedrich Diederichsen und dessen neustes Buch, “Über Pop-Musik”, das er als Opus bezeichnete, vorzustellen. Dazu benutze er thematische Fragen entlang des Inhaltsverzeichnisses, ohne jedoch sonst das Buch zu bemühen: zur Theorieproduktion, dem Sozialen, dem Schreibprozess und zu Diederichsens Reaktion auf die Rezeption durch die Pop-Redakteure der Zeitungen.

Diese Vorgehensweise war für die Zuschauer im Depot 1 des Schauspielhauses Köln spannend aber auch höchst anspruchsvoll, denn ohne das Buch zu kennen, konnten sie zwar streckenweise Theortisieren auf hohem Niveau erleben, es war jedoch nicht leicht dem zu folgen. Damit wurde der Abend zu einer Veranstaltung für Diederichsen-Kenner. Dafür erlebten die Anwesenden einen Theoretiker bei der Arbeit, was zu so manchen glänzenden Gedankengängen führte. Wer dagegen etwas über Pop-Kultur oder das Buch hören wollte, wurde enttäuscht, was beim Format einer Buchvorstellung etwas überraschte.

In der Ankündigung durch eine Mitarbeiterin der Lit-Cologne wurden die beiden Akteure als Freunde  vorgestellt, die seit Jahren im Austausch seien, man verfolge also nun ein quasi-privates Gespräch mit. Das hatte Konsequenzen, positive wie negative. Man erfuhr, dass Diederichsen in Wien, wo er an der Akademie der bildenden Künste arbeitet, ein eher öffentliches Leben führt und in Berlin eher privat lebt. Diederichsen gab auch Auskunft darüber, wie sein Schreiben funktioniert und wen er sich in welchem Kapitel als inneren Gesprächspartner vorgestellt hat, bzw. wer ihm beim inneren Monologisieren half. Diederichsen erzählte, dass er in den vorlesungsfreien Zeiten schreibe und dabei eine schöne Umgebung und Getränke schätzte und vieles mehr.

Diederichsens Ausführungen zum Thema Theorie waren sehr aufschlussreich, denn auf der einen Seite vermittelte er den Eindruck, dass er theoretische Ansätze themenspezifisch wählt, was durchaus Sinn macht, und auf der anderen Seite wehrte er sich gegen die Metapher des “Werkzeugkastens”, die genau diesen Zusammenhang impliziert. Genauso aufschlussreich waren seine Ausführungen zu den theoretischen Ansätzen, die ihn prägten. Hier nannte er den Marxismus, dessen Verbindlichkeit früher ihn anzog. Ein paar Sätze später distanzierte er sich jedoch aus genau diesem Grund vom Marxismus. Es waren diese kleinen Widersprüche, die den Abend würzten und zugleich irgendwie beliebig machten.

Lit-Cologne: “D. Diederichsen trifft R. Goetz” , Rainald Goetz (l), Diedrich Diederichsen (r), Diedrich Diederichsen (alleine), Bürger King (rechts). Copyleft kultgenosse.
Lit-Cologne: “D. Diederichsen trifft R. Goetz” , Rainald Goetz (l), Diedrich Diederichsen (r), Diedrich Diederichsen, Bürger King. Copyleft kultgenosse.

Auf die Frage nach der Reaktion auf die Besprechungen durch Journalisten, die alle bekennende Fans seinen, aber das Buch nicht ganz verstanden hätten, so Goetz sinngemäß, antwortete Diederichsen, er wolle bzw. könne sich über die Rezensionen nicht beklagen. Einwurf Goetz: Das mache ich schon. Diese freundschaftliche Arbeitsteilung, wobei Rainald Goetz häufiger in die Lobhudelei und Schwärmerei rutschte, verstärkte den Eindruck, dass es an diesem Abend nicht um Pop, sondern um den “berühmtesten und berüchtigsten deutschen Poptheoretiker[..] Diedrich Diederichsen” ging, wie ihn Jens-Christian Rabe in der Süddeutschen nannte. DD ist selbst Teil des Popzirkus, ein Promi unter anderen, eine Marke für “Besserwisser”.

Was (mir) fehlte

“Musik ist bloß der Hintergrund für die tiefer liegenden, viel weiter ausstrahlenden Signale des Pop. Ein Hybrid aus Vorstellungen, Wünschen, Versprechungen.” Mit dieser Verheißung lockte das Programm. Ich hätte mir gewünscht, dass an dem Abend deutlich geworden wäre, welche Versprechungen gemacht und gebrochen werden. Interessant wäre auch gewesen, zu hören, weshalb das Brechen der Versprechen vom Konsumenten nicht sanktioniert wird. Rabe erklärt dies in der Süddeutschen mit Hilfe von Diederichsen so: “Im Kern sei sie [die Pop-Musik, K.] daher affirmativ, sie sage Ja, obwohl sie doch Nein sagen wolle: >I can’t get no<. Dieses Nein, das für das Publikum als Ja rüberkomme, sei eine große Stärke der Popmusik: >Eine freudige und daher ermutigende, freundliche Verneinung des Bestehenden zugunsten der Umstehenden.<” Wenn also Pop gar nicht verneinen kann, weshalb hat jede Protestbewegung ihr Hymne? Wie funktioniert das Ausblenden der Maschinerie, in die die Kritik gebettet ist? “Der Witz des kulturindustriellen und künstlerischen Formats Pop-Musik ist, dass es von allen Beteiligten immer wieder aktiv zusammengesetzt werden muss” zitiert Rabe. Alleine dieser Satz hätte einen eigenen Abend verdient.

Ein interessanter Abend war es trotzdem, Pop eben.

Von Kyrosch Alidustiursprünglich hier unter einer Copyleft Lizenz veröffentlicht.. 

 

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