Preview: Niklas Luhmann als Element einer Netzwerktheorie der Wissenschaft

  1. Einleitung: Warum einen netzwerktheoretischen Überblick über Niklas Luhmanns Systemtheorie?

In der deutschen Netzwerkforschung besteht ein großes Interesse an einer Synthese zwischen einer der großen Netzwerktheorien und der Systemtheorie Niklas Luhmanns. So arbeitet Jan Fuhse, Soziologe an der Humboldt Universität in Berlin, in seinen Aufsätzen wie „Verbindungen und Grenzen. Der Netzwerkbegriff in der Systemtheorie“ (Fuhse 2011) sehr direkt an einer solchen Synthese. Ein anderes Beispiel ist der Bremer Soziologe Henning Laux, der in seiner „Soziologie im Zeitalter der Komposition“ (Laux 2014) Luhmanns Ideen direkt in die Theoriebildung mit einfließen lässt.  So beschreibt er in seinen „Mechanismen der Strukturbildung“ (Laux 2014, S. 158 – 174) u. a. die Entstehung von Systemen auf Basis eines Urzustandes von unverbundenen Elementen, die sich durch Mechanismen, wie wiederholtes Aufeinandertreffen und dem Ausbilden von gemeinsamen Geschichten, verfestigen und schlussendlich ein vollständiges System bilden (vgl. auch Adamik 2016, S. 10 – 23).

Trotz ihrer unterschiedlichen Ansätze ist beiden Soziologen gemeinsam, dass sie neben Luhmann an den amerikanischen Soziologen und Netzwerktheoretiker Harrison White und sein Hauptwerk „Identity and Control“ (White 2008) anknüpfen. Diese Verbindung liegt dabei sehr nahe, schließlich betrachtet der amerikanische Soziologe seine Theorie mit der von Niklas Luhmann kompatibel (White 2008, S. 225), wird aber von den beiden Soziologen jeweils anders genutzt. Während Fuhse wie bereits erwähnt sehr klassisch an einer Synthese arbeitet, sind bei Laux sowohl White als auch Luhmann Elemente eines Netzwerks an Theorien, deren bedeutendstes Element die Akteur-Netzwerk-Theorie von Latour ist. So arbeitet Henning Laux eben nicht nur an einer Synthese zwischen der ANT Latours (Latour 2010) und der nach Fuhse benannten „phänomenologischen Netzwerktheorie“ von Harrison White (PNT), sondern an einer Gesellschaftstheorie (Laux 2014, S. ???). Sein Ziel knüpft dabei an die Zielsetzung der Theorie sozialer Systeme Niklas Luhmanns an (s. u.) und möchte eine „vollwertige Alternative zu den bereits etablierten Paradigmen der Soziologie anbieten “ (Laux 2014, S. 34).

Aber unabhängig davon welche Rolle die Systemtheorie Luhmanns in der netzwerktheoretischen Forschung auch spielt, Niklas Luhmann Werk stellt allein durch seine schiere physische Masse eine Herausforderung für jeden Netzwerktheoretiker dar. Um diese Masse in einer für unterschiedliche Netzwerktheorien sinnvollen Weise zu erfassen, so lautet die Ausgangsthese, ist hierfür zumindest eine Anknüpfung an bestehende Netzwerktheorie und die empirische Forschung nötig. Ohne diese These an dieser Stelle weiter ausführen zu können, zielt diese Ausgangslage in Richtung einer Ausdifferenzierung des Paradigmas der Netzwerkforschung in Richtung eines Netzwerks empirisch orientierter Netzwerktheorie mittlerer Reichweite, also z. B. in der Entwicklung einer Netzwerktheorie der Wissenschaft, der Politik, der Stadt, der Popkultur oder des Internets. Als Netzwerktheorien sind diese dabei selbstreferenziell an das Paradigma der Netzwerktheorie gebunden, aber als empirische orientierte Theorien sind diese und andere Theorien des Wissenschaftssystems nicht wie bei Luhmann (vgl. Luhmann 1987, S. 19) ihr einziger Gegenstandsbereich, sondern die Welt. Als Beitrag zu einer empirischen Netzwerktheorie der Wissenschaft darf dieser Artikel selbst sich also nicht in autistischer Selbstreferenz verlieren sondern muss auf Basis von Netzwerktheorien einen empirischen Zugang zu dem Werk Niklas Luhmanns schaffen. Dies geschieht hier aus unterschiedlichen Gründen zunächst in der losen Verbindung zwischen Bruno Latours Akteur-Netzwerk-Theorie und einer quantitativen Analyse des Lebens und Werks Niklas Luhmanns. Ziel dieser Verbindung ist es eine qualitative netzwerktheoretische Perspektive auf das Werk Niklas Luhmanns. Diese wird in Kapitel 4 vorgestellt. Aber zunächst zur quantitativen Analyse.

  1. Eine quantitative Netzwerkanalyse des Lebens und Werks von Niklas Luhmann

Aus der Perspektive Latours von Bruno Latours Akteur-Netzwerk-Theorie stellt der Körper Niklas Luhmanns eine menschliche Entität und sein Werk eine Gruppe oder Masse von nicht-menschlichen Entitäten dar.

Diese beiden Entitätsgruppen sollen hier zunächst vollständig erfasst werden. Da in vollständig verknüpften Netzwerken wahrscheinlich menschliche Entitäten die Hauptrolle spielen (vgl. Latour 2010, S. 158 u. Adamik 2016, S. 5) beginnt diese Analyse bei der menschlichen Enität Niklas Luhmann. Diese beginnt bei seiner Geburt am 8. Dezember 1927 in Lüneburg. Hinzugefügt werden jetzt weiteren übliche biographische Daten, wie Ausbildung und berufliche Laufbahn als weitere Entitäten hinzugefügt. Um diese zu erfassen, müssen weitere Entitäten als Informationsquellen über Luhmann hinzugefügt werden. Diese sind hier ein Wikipedia-Artikel über Niklas Luhmann und die biographischen Einleitung Anette Treibels in „Einführung in die Soziologischen Theorien der Gegenwart“ (Treibel 2006, S. 26). Aus diesen Elementen setzt sich die Tabelle 1 „Niklas Luhmann: Ein Überblick über sein Leben“ zusammen.

Tabelle 1: Niklas Luhmann – Ein Überblick über sein Leben

Biographisches

Ereignis

Ort/Zeit Lebensspanne; Anzahl der Jahre
Geburt Lüneburg 1927 0
Studium der Rechtswissen-

schaft und Referendars-ausbildung

Freiburg 1946 – 49 19 – 22; 4
Lücke 1950 – 53 23 – 26; 4
Verwaltungsbeamter Lüneburg 1954 – 59 27 – 32; 6
Harvard Aufenthalt Harvard

1960 – 61

33 – 34; 2
Verwaltungsbeamter Lüneburg 1962 35; 1
Referent an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften Speyer 1962 – 65 35 – 38; 4
Studium der Soziologie Münster

1965

38; 1
Abteilungsleiter Sozialforschungsstelle Dortmund 1965 – 68 38 – 41; 4
Professor für Soziologie Bielefeld

1968 – 93

41 – 66; 26
Emiritierung Bielefeld

1993

66; 1
Tod Oerlinghausen 1998 66 – 71; 6

Die Daten sind hier anhand des Flussprinzips Zeit von morphologischen Netzwerken linear geordnet. Um diese Tabelle erstellen zu können war die Anknüpfung der beiden nicht-menschlichen Wikipedia und Einführungsartikel notwendig, die wiederum für sich durch Abstraktion zur Grundlage zu Bildung von zwei weiteren Entitätsgruppen, Einführungsartikel und Internetbeiträge, werden könnten. Dies wäre auch für eine vollständige empirische Erfassung des Netzwerks Luhmann notwendig, aber für den Zweck diese Artikels, einen für Netzwerktheorien sinnvollen Zugang zu dem Werk Luhmanns zu finden ist es dies nicht. Deshalb wird an dieser Stelle die Analyse der Entität Luhmann gestoppt und die nicht-menschliche Entitätsgruppe betrachtet. Dabei stellt bereits die quantitative Erfassung des Werks Luhmanns ein weiteres großes Problem dar. In den beiden bisherigen Quellen sind jeweils nur Auswahlen aus dem Werk Luhmanns vorzufinden, weshalb als dritte Quelle das „Gesamtverzeichnis der Veröffentlichungen Niklas Luhmanns 1958 – 1992“ zu Rate gezogen wird. (Dammann 1994, S. 283 – 382). Dieses Verzeichnis ist wiederum in sich selbst so komplex, dass es selbst als tabellarisches Netzwerk eingeführt wird. Dies geschieht anhand der Elemente Typ und Namen des Verzeichnisses, Registertyp, Zeitraum der erfassten Beiträge, der Autor, dessen Lebensspanne, Anzahl der Autoren und Literaturangabe. Um erste Verbindung zwischen den nicht-menschlichen Entitäten und Niklas Luhmann zu stiften wurden die ersten und die letzte berufliche Position, die in den Erfassungszeitraum des Publikationsverzeichnisses fallen, mit aufgeführt.

Tabelle 2: Überblick Gesamtverzeichnis

Typ & Name des Verzeichnisses Gesamtverzeichnis/

Gesamtverzeichnis der Veröffentlichungen Niklas Luhmanns

1958 – 1992

Von – Bis; erfasst ab/bis Lebensspanne Autor; Anzahl der Jahre
Registertyp Chronologisch 1958 – 1992 31 – 65; 35
Anm.: Sämtliche Veröffentlichungen Niklas Luhmanns von 1958 – 1992; Ergänzt durch die ersten Monate 1993 (S. 379 – 382) & einem Ausblick auf geplante Veröffentlichungen 1993 (10 Publikationen)
Autor: Niklas Luhmann 1927 – 1998 0 – 71; 71
Positionen:

Von

Verwaltungsbeamter Lüneburg; 1954 – 59; ab 1958 27 – 32; 5
Bis: Professor für Soziologie Universität Bielefeld 1968 – 1993; bis 1993 41 – 66; 26
Erstellt von 4 Autoren: Andrini; Dammann; Hanneforth; Jung
Literaturangabe: Dammann, Klaus; Luhmann, Niklas (1994): Die Verwaltung des politischen Systems. Neuere systemtheoretische Zugriffe auf ein altes Thema: mit einem Gesamtverzeichnis der Veröffentlichungen Niklas Luhmanns 1958-1992. Opladen: Westdt. Verl.

In der folgenden Tabelle wird die Textstruktur des Verzeichnisses erfasst. Diese gibt sowohl einen Überblick über die Komplexität und Masse des Verzeichnisses selbst als auch über das Werk Niklas Luhmanns. Zur Erleichterten Benutzung des Stichwortregisters wurde am Beispiel des Stichworts „Soziales System“ das Schema der Indizierung, der Index eines der dort chronologisch aufgelisteten Werke und als Ergebnis die Literaturangabe des Werks aufgeführt.

Tabelle 3: Quantitative & qualitative Details des Gesamtervezeichnisses

Umfang des Verzeichnisses Seiten Anzahl
Insgesamt & Davon: S. 281 – 411 131
Einleitung 281 – 286 6
Verzeichnis 287 – 382 96
Stichwortregister & Davon: 383 – 411 29
Einleitung 383 – 385 3
Register 386 – 411 26
Benutzung Stichwortregister: Schema der Indizierung Ergebnis:
Beispiel: Stichwort „Soziales System“ NL + Jahr + (Buchstabe): Beispiel: NL 64 Funktion und Folgen formaler Organisation. Gleichzeitig: Habilitationsschrift im Fach Soziologie an der Universität Münster 1964.
Erste erfasste Publikation NL: Der Funktionsbegriff in der Verwaltungswissenschaft. In: Verwaltungsarchiv 49 (1958), S. 97 – 105
Letzte erfasste Publikationen The Coding of the Legal system. In: Teubner (HG.) 1993: State, Law and Economy as Autopoietic Systems.

Rechtssoziologischer Beitrag in: Rottleuther (Hg.) 1993: Rechtssoziologie.

Auf den 96 Seiten des Verzeichnisses werden insgesamt 1131 Publikationen aufgelistet. Damit ist die ein großer Teil des Werkes Niklas Luhmanns erfasst (zu den Vollständigkeitskriterien des Verzeichnisses siehe (Dammann 1994, S. 284 – 286)). Zur vollständigen Erfassung müssten diese noch um die Veröffentlichungen nach 1993 ergänzt werden. Dies geschieht auch in Tabelle 8 zum Teil. Zunächst wird aber der Kanon weiter reduziert. Dies geschieht um im nächsten Kapitel anhand der reduzierten Kanons eine netzwerktheoretische Perspektive auf das Werk von Niklas Luhmann zu entwickeln.

Als Gesamtverzeichnis der Publikationen umfasst das Verzeichnis nicht nur die klassischen wissenschaftlichen Medien Monographien, Sammelbände, Aufsätze und Vorträge, sondern auch weitere wie Tonträger und Briefe. Hinzu kommt das Selbe noch mal für fremdsprachliche Fassungen und weitere zusätzliche Fassungen. Werden die letzten beiden Kategorien Beiseite gelassen, reduziert sich die Zahl der zu berücksichtigenden Veröffentlichungen auf 637. Durch eine Reduktion auf die klassischen wissenschaftlichen Medien reduziert sich diese Zahl auf insgesamt 374 (32 Monographien, 31 Sammelbände und 311 Aufsätze und Vorträge) (vgl. Dammann 1994, S. 285). Diese reduzierte Grundgesamtheit ist in der folgenden Tabelle 4 dargestellt.

Tabelle 4: Reduzierte Grundgesamtheit bis Anfang 1993

Publikationsart Grundgesamtheit
Monographie 32
Sammelbände 31
Aufsätze und Vorträge 311
Insgesamt 374
  1. Die Verbindung von Leben und Werk

 

Bildrechte Titelbild: © Philipp Adamik (2016)

 

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