#Rojava_2: Das ist eben Krieg, Krieg ist die Hölle

Zweiter Teil des ak[due]ll Interviews mit einem Freiwilligen im Bürgerkrieg um Rojava.

Anfang des Jahres ging Mike (Name geändert) ins nordsyrische Rojava um die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) in ihrem Kampf gegen den Islamischen Staat zu unterstützen. Nach seiner Rückkehr ist dieses Interview, das in drei Teilen in der ak[due]ll erscheint, entstanden. Im ersten Teil des Interviews schilderte Mike seinen Weg nach Rojava von einer Demonstration in Deutschland bis an die Front im Norden Syriens. Im zweiten Teil liegt der Fokus auf dem Kriegsgeschehen vor Ort. Von Gastautor Philipp Adamik

ak[due]ll: Bisher hast du ja hauptsächlich vom Verlauf der Al Hasaka Offensive [siehe letztes Interview] berichtet. Wie hast du denn persönlich den Krieg erlebt?

YPG-Soldatin während des Kampfes gegen den IS

Mike: In dem christlichen Dorf, in dem wir stationiert waren, war das so eine Art Grabenkampf. Wir hatten unser Dorf, die [Anm. d. Red.: der IS] hatten ihr Dorf. Wir waren 200 Meter voneinander entfernt und haben jede Nacht hin und her geschossen. Dazwischen lag nur ein Feld. Das war wie im Ersten Weltkrieg. Das findet man heute in fast keinem Krieg mehr.Zwischendurch haben wir vergeblich versucht, das Dorf gegenüber einzunehmen. Nach vier Tagen hat die US-geführte Koalition dann angefangen das Dorf zu bombardieren. Was wichtig ist, denn ohne die US-Unterstützung [Anm. d. Red.: Seit Ende 2014 fliegt eine von den USA geführte Anti-IS-Koalition Luftangriffe in der Region] würde da rein gar nichts laufen. Die ganze Offensive fing nämlich mit erst unglaublich vielen Luftschlägen an. Die US-geführte Koalition hat durch ihre Luftangriffe die Front vor sich her getrieben. Das war auch bei uns so.

ak[due]ll: Wie kann man sich so eine Luftangriff vorstellen?

Mike: Bei uns wurde zwischen vier und fünf Stunden lang zwischen den beiden Dörfern hin und her geschossen, dann kam ein Flugzeug und hat das Dorf bombardiert. Ständig sind Körperteile auf uns herab geregnet und wir dachten: Da ist niemand mehr am Leben. Eine halbe Stunde lang war auch Ruhe. Da bewegte sich nichts. Dann haben sie allahu akbar geschrien; mega laut. Und wieder gekämpft. Ich weiß nicht, was so eine 500 Kilo Bombe, die ein Jet abwirft, anrichtet. Jedenfalls ist das eine hunderte Meter hohe Rauchsäule. Ein Knall, der die Erde erbeben lässt. Da fliegen die Scheiben aus den Fenstern; hundert, hunderte Meter weiter. Eine unglaubliche Vernichtung. Also einfach so etwas Großes, Riesiges, Gewaltiges, wobei ich mir nie vorstellen konnte, dass das irgendjemand überlebt, der da in der in der Nähe ist. Aber die haben es überlebt und weiter gekämpft. Nach acht Tagen hat sich dann herausgestellt, dass das Dorf gegenüber verlassen war. Nach vier Tagen Bombardement und nächtlichen Schießereien, hatten sie sich anscheinend aus dem Dorf zurückgezogen.

ak[due]ll: Das klingt so, als ob dein Leben ständig bedroht war. Wie bist du damit umgegangen?

Die Situation während der Al Hasaka Offensive
Die Situation während der Al Hasaka Offensive

Mike: Da gewöhnt man sich relativ schnell dran. Es ist eine permanente Bedrohung. Es gibt sehr viele Minen, Sprengfallen, Autobomben, Mörser, Scharfschützen, einfach alles. Man kommt in so ein Setting, in ein Mindset. Es ist schwer zu beschreiben. Krieg ist sehr vereinnahmend, sehr intensiv; physisch und psychisch. Und da ist man dann eben drin. Das Leben ist sehr anstrengend. Man kriegt kaum was zu essen. Vitaminmangel, kein fließend Wasser, keine Elektrizität. Ja einfach nichts im Prinzip. Man schläft mit der Uniform, den Schuhen und dem Gewehr neben sich auf dem Boden und muss jede Nacht Wache halten. Man schläft nie mehr als vier Stunden. Das vereinnahmt einen. Man lebt den Krieg dann eben so.

ak[due]ll: Während dieser Angriffe sind auch zahlreiche Menschen gestorben. Wie hast du den Verlust derjenigen wahrgenommen, mit denen du zusammen gekämpft und gelebt hast?

Mike: Also es sterben weit mehr Menschen, als die offiziellen Zahlen angeben. Viele Menschen sterben, weil sie sich nicht an die einfachsten militärischen Grundregeln halten. Man sieht das und denkt sich, das hätte auch verhindert werden können. Das hat mich in der Regel eigentlich eher frustriert, als dass ich traurig gewesen wäre. Schlimmer war es dann, wenn tatsächlich Leute gestorben sind, zu denen man eine echte Verbindung hatte. Denn durch diese intensive Situation baut man teilweise in relativ kurzer Zeit sehr intensive Bindungen zu Menschen auf. Teilweise sterben Menschen nicht nur, weil sie sich unvorsichtig verhalten, sondern weil sie eben getroffen werden. Weil es eben so ist. Das ist nicht einfach. Das gehört aber eben alles zu diesem Setting. Man verroht natürlich. Aber man muss natürlich auch eine emotionale Distanz zu seiner Umgebung schaffen und sich immer freuen, dass man selbst nicht dran Schuld ist oder dass man selbst nicht erwischt wurde. Ich hab mir anfangs auch für Vieles selbst die Schuld gegeben, aber ich konnte relativ schnell diese gewisse emotionale Distanz aufbauen. Es klingt blöd, wenn man es selbst nicht erlebt hat, aber das ist eben Krieg. Das ist auch der Standardsatz, den man da tausendmal hört. Das ist eben Krieg und Krieg ist die Hölle.
Der Artikel erschien ursprünglich hier in der ak[due]ll online und in der ak[due]ll Nr. 111 vom 28.10.2015.

Titel- & Beitragsbild: YPG-Soldatin während des Kampfes gegen den IS
Claus Weinberg 2014 CC-BY 2.0

Karte: Die Situation während der Al Hasaka Offensive
Mouradi 2015 CC-BY-SA 3.0

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