last junkies on earth – unter der stadt

15 Meter unter der Innenstadt erstreckt sich Dortmunds bestgehütetes Geheimnis: Ein 5 Kilometer langes Labyrinth aus Gängen, zahlreichen Nebentunneln und ganzen Hallen sind die Überbleibsel der wohl größten Luftschutz-Bunkeranlage Europas.

Den älteren unter uns ist die Existenz dieser Anlage wohlbekannt und selbstverständlich, doch eine gepflegte Mauer des Schweigens Seitens der Stadt und der Behörden führte dazu, dass ein Großteil der jüngeren Dortmunder noch nie von dem gigantischen Luftschutzstollen unter der Stadt gehört haben. Insgesamt 19 Eingänge, von denen nur noch ein paar wenige existieren und gut gesichert oder verschweißt sind, ermöglichten der Zivilbevölkerung im 2. Weltkrieg während der großen Bombardements auf Dortmund die sichere Zuflucht in die Katakomben unter der Stadt.

Die Rede ist hier von 40.000 bis zu geplanten 150.000 Menschen, die in das Tunnelsystem flüchten sollten – damit man mal die gigantischen Ausmaße der Anlage begreift. Heutzutage tauchen Teile der Tunnel immer wieder bei Bauarbeiten auf und geben einen Einblick in das verwinkelte System. Wer dort illegal einsteigt, kann von Dortmund Dorstfeld aus parallel unter der Rheinischen Straße entlang spazieren, unter dem Dortmunder U weiter bis unter den Hauptbahnhof und die Innenstadt gehen oder rechts ab bis zum äußeren Ende des Westpark wandern. Davon wollen wir an dieser Stelle natürlich zwingend abraten: Ihr trefft auf ein völlig marodes, unbeleuchtetes und stockdunkles Labyrinth mit zahllosen Nebentunneln, in denen sich unter Umständen gefährliche Gase entwickeln können. Strafbar macht ihr euch außerdem auch dabei.

Das große Schweigen über die gigantische Anlage erklärt sich zum Teil aus ihrer Entstehung, denn zum Ausbau wurden hauptsächlich Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge eingesetzt, die während der Bombardements das System verlassen mussten, um mehr Platz für die Bevölkerung zu schaffen. Irgendwo in Dortmund hängen in einem Beamtenschränkchen die passenden Schlüssel zu den letzten existierenden Eingängen, mehr als eine nachträglich rekonstruierte Karte gibt es nicht, da die Originalkarten zum Kriegsende von den Verantwortlichen vernichtet wurden. Wer Antworten haben will, trifft in Dortmund auf systematisches Schweigen: Da eine völlige Klärung der Besitztums- und damit Eigentümerfrage unmöglich erscheint, gab es einen Erlass, der es verbietet, „Informationen über den Stollen, die bei allgemeinem Bekanntwerden die öffentliche Sicherheit und Ordnung gefährden können“, herauszugeben (WAZ). Nun gut, dachten sich die Last Junkies, wenn die Stadt nicht reden will, dann fragen wir eben jemanden, der es wissen muss und schon mehrfach in der Anlage herumgewandert ist: die Dortmunder Sprayer-Szene.

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In der Tat war es nicht ganz einfach, den Kontakt zu den richtigen Leuten herzustellen, denn die letzte Sprayer-Generation, die durch die Tunnel wanderte, tat dies unseren Informationen nach um die Jahrtausendwende. Zu dieser Zeit waren die Eingänge zwar auch gesichert, doch ein von der Stadt montiertes Vorhängeschloss wurde einfach geknackt und durch ein eigenes Vorhängeschloss ersetzt. So hatte man so lange einen eigenen Zugang zu dem Tunnelsystem, bis ein Instandsetzungstrupp, andere Sprayer oder Hobby-Bunker-Freaks das Schloss wieder ersetzten. Die meisten dieser Zugänge wurden inzwischen zugemauert, so wie der bekannteste Eingang im Hinterhof des alten AOK Gebäudes. Andere Eingänge im direkten Innenstadtbereich sind durch mindestens doppelt gesicherte Stahltüren verschlossen worden, so der Eingang an der Schmiedingstraße, der Eingang rechts neben den Katharinentreppen (hier befand sich einer der damaligen Haupteingänge) sowie der kleine Zugang direkt gegenüber des Dortmunder U-Turms. Auch führen mehrere Gullideckel im Bereich Westentor direkt in die Katakomben, aber macht euch keine Hoffnungen, auch sie wurden mittlerweile verschweißt. Einen der unauffälligsten und doch interessantesten Zugänge ist der durch Gitterplatten versiegelte Eingang am Ende der Möllerstraße. Zur Zeit scheint es also unmöglich, in das System auf einfachem Wege einzudringen. Was aber würde euch dort unten erwarten?

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Die Stollen im Innenstadtbereich sind gigantisch, erzählt man uns. Man könnte sie locker mit einem PKW durchfahren. Dazu sind sie sehr sauber, mit Wellblechplatten ausgekleidet und die Temperatur beträgt ganzjährlich circa 13 Grad. Lebewesen oder Pflanzen findet man hier unten keine, dafür aber glasklares Wasser, was von den Wänden perlt. Auch Geräusche dringen von außen nicht ein. Wenn man 15 Meter unter der Innenstadt steht, hört man nicht einen Laut von dem alltäglichen Treiben über einem. Das Eindringen in solch eine Welt hat etwas magisches, erhabenes, berichtet man uns. Es macht regelrecht süchtig, diese verlassenen und stillen Räume zu betreten, von denen niemand etwas ahnt, der 10 Meter über dir durch die hektische Innenstadt läuft. Macht man sich mit genug Akkus für Lampen auf den Weg, kann man locker 6 oder mehr Stunden in dem Komplex verbringen. Geht das Licht aus, hat man ein riesiges Problem. Einmal auf Tour, geht es immer tiefer hinein in das verwinkelte System. Einige Nebenarme führen zu den Rückseiten der verschlossenen Eingänge. „Ein komisches Gefühl, als einziger Mensch auf der anderen Seite zu stehen“, erzählt einer, der es wissen muss. Seine Einstiege sind im zweistelligen Bereich, seinen Namen dürfen wir nicht nennen. „Vor dem Hauptbahnhof war mal eine Baustelle und direkt unter der Treppe, die damals zur Live-Station hochführte, war ganze 6 Monate ein Zugang freigebuddelt, nur durch ein Brett gesichert.“ Heute ist davon nichts mehr zu sehen. Nur ein unscheinbarer, weißer Belüftungsschacht neben der Treppe verrät die Anlage unter dem Bahnhof. Ähnliche Belüftungsschächte und pilzartige Kamine findet man in den Gebüschen des Westparks. „Die Stollen Richtung Westpark sind nicht mehr sauber und gepflegt. Teilweise sind es einfach in den Fels geschlagene Gänge, voll mit Tropfsteinen, Wurzeln und altem Werkzeug.“

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Auch beim Bau der Stadt – und Landesbibliothek trat einer der großen Gänge zutage und wurde während des Baus mit einer gigantischen Betonplatte verschlossen. Wie viele Eingänge im Innenstadtbereich tatsächlich noch in den Kellern der gewerblichen Gebäude an das System angeschlossen sind, weiß niemand. In den Gewölben des Dortberghauses neben den Katharinentreppen soll es noch einen Zugang geben, munkelt man. Und ob ein Anwohner in der Möllerstraße mal in seinem Keller eine alte Stahltür öffnet und plötzlich in den gigantischen Komplex hineinstarren kann, werden wir wohl auch nicht erfahren. So hat Dortmund eine echte Urban Legend unter seiner Oberfläche. Die Gänge und Tunnel sind da und warten nur darauf, dass die nächste Baggerschaufel ein klaffendes Loch in die Anlage reißt und die ewige Dunkelheit mit glänzendem Tageslicht flutet.

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Der Text wurde hier mit freundlicher Genhemigung von Björn Herring erneut veröffentlicht. Alle Fotos wurden hier gemäß den Lizenzbedingungen von Ingo Bornemann/ LostAreas.de veröffentlicht.

Hier geht es zum last junkies on earth Artikel mit weiteren Fotos von Ingo Bornemann.

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