Nachtrag: “Occupy war ein Erfolg”

Am 25.03.2013 erschien auf der Hompage von “der Freitag” das Interview “Occupy war ein Erfolg” mit dem linken Theoretiker und Literaturwissenschaftler Michael Hardt. Aus Platzgründen wurden Teile des Interviews dort nicht veröffentlicht. Der Autor und Interviewer Nils Markwardt war so freundlich mir den bislang unveröffentlichten Teil des Interviews zur Verfügung zu stellen. Auch an dieser Stelle besten Dank an ihn. Der hier veröffentlichte Teil schließt am Ende des Interviews – nach der Antwort auf die Frage “Sie würden also nicht sagen, dass Occupy gescheitert ist?” – an.

Nils Markwardt: Für linke Theoretiker scheinen Antonio Negri und Sie überaus optimistisch. Ist die Linke generell zu larmoyant?

Michael Hardt: (Lacht)

Oder wäre das zu hart formuliert?

Nein, nein. Vielleicht ist es nicht hart genug. Viele linke Parteien sind zu Jammerparteien geworden. Sie jammern über Sachen, die natürlich fürchterlich sind. Über Hierarchien, Unterdrückung und darüber, dass sie keine Macht haben, all das zu ändern. Es ist ein Jammern in Resignation. Aber die Linke muss mehr sein als das. Sie muss auch attraktiv sein. Sie muss Menschen Möglichkeiten eines alternativen Lebens aufzeigen. Und das machen diese Jammerparteien eben nicht. Jedoch würde ich mich auch gegen den Begriff „optimistisch“ sträuben. Denn oft wird er als eine Art Beleidigung gebraucht. Im Sinne von: du sagst etwas, wofür es keinen Grund gibt. Viel wichtiger als die Frage nach Optimismus oder Pessimismus ist es, bestimmte emanzipatorische Prozesse zu identifizieren. Es geht also nicht darum, eine bessere Welt bloß zu fantasieren, sondern empirische Tendenzen zu erkennen und dann weiterzudenken.

Kritiker wie Chantal Mouffe sehen in ihrer Theorie einer absoluten Demokratie hingegen eine Art postmoderne Wunschmaschine. Ihre Ablehnung der repräsentativen Demokratie und klassischen Institutionen verdamme sie zur praktischen Wirkungslosigkeit.

Es gibt zwei Antworten auf diesen Vorwurf: Zum einen nimmt dieser Realismus-Diskurs, der sich mit seinem „Sei realistisch!“ ja auch immer ein bisschen nach Schullehrer anhört, vielen Menschen ihre berechtigten Träume und Hoffnungen. Denn eine der wichtigsten Aufgaben der Politik besteht darin, sich eine andere Welt vorzustellen. Und auch historisch hat sich ja immer wieder gezeigt, dass vieles, was einst unmöglich schien, schnell Wirklichkeit wurde. Das zweite ist, dass die sogenannten Realisten oft selbst gar nicht sehen, was wirklich passiert. Ein Beispiel: In der 18tägigen Tahrir-Besetzung hat man geradezu obsessiv versucht, einen Anführer ausfindig zu machen. Zuerst dachte man, es wäre Mohammed el-Baradei, dann sollte es der Google Mitarbeiter Wael Ghonim sein und am Tag darauf gab es schließlich noch drei weitere Kandidaten. Die Realisten verstanden nicht, dass hier etwas ganz anderes passierte. Ihre Perspektive hat sie blind für die Wirklichkeit gemacht. Denn auf dem Tahrir haben zwar nicht alle Menschen absolut gleichberechtigt partizipiert, aber es gab verschiedene Gruppen, die mit einander verhandelt haben – und zwar ohne zentralen Anführer. Chantal Mouffes Ansatz bestünde hingegen wahrscheinlich darin, abzuwägen, ob solche Bewegungen praktisch wirkungsvoller wären, wenn sie mit hegemonialen Instanzen kooperierten. Die Realität dieser führerlosen, horizontalen Organisationsform zu erkennen, scheint mir aber ebenfalls etwas sehr praktisches und realistisches zu sein.

Ihr Demokratiekonzept basiert maßgeblich auf der Idee der Gemeingüter. Das bedeutet, dass Menschen die Fähigkeit und auch den Willen für die Mühen der Selbstverwaltung aufbringen müssen. Ihr Kollege Slavoj Žižek hat kürzlich gesagt, dass er es jetzt, wo er älter wird, als Genuss empfindet, sich nicht permanent mit Politik beschäftigen zu müssen. Verstehen sie das?

Ich glaube, dass die Apathie und das fehlende Verständnis für Politik oft vom politischen System selbst produziert wird. Mangelnde Partizipation, selbst wenn es nominell Möglichkeiten dafür gibt, ist also mehr ein politisches Produkt denn Teil der menschlichen Natur. Aber natürlich müssen wir auch Formen der Selbstregierung finden, die in unser tägliches Leben passen. Man muss für eine Demokratie nicht sein Leben lang im Zeltlager schlafen. In dieser Hinsicht habe ich also Verständnis für Slavojs Müdigkeit.

Glauben Sie, dass beispielsweise die Piratenpartei oder die 5Sterne Bewegung Beppe Grillos eine Antwort auf die Krise der Demokratie geben können?

Ich denke, dass derartige politische Experimente sehr wichtig sind. Bei der Piratenpartei gefällt mir die Offenheit gegenüber neuen Formen der Entscheidungsfindung, aber auch die Bereitschaft zu Scheitern. Denn es liegt ja in der Natur von Experimenten, dass sie manchmal anders ausgehen, als man zuvor dachte. Aber man muss es einfach wieder versuchen, weiter experimentieren. In programmatischer Hinsicht würde ich diese beiden Beispiele zwar nicht unbedingt als Lösung sehen, aber als politische Experimente scheinen sie mir äußerst wichtig.

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