Taksim ist überall! Überall ist Widerstand!

Michael Hardt und Antonio Negri sprechen in ihren Büchern von der geschichtsträchtigen Multitude, den Singularitäten (in etwa Individuen), die auf globaler Ebene gemeinsam Handel.

Während der Ausweitung der Proteste in der Türkei entstand das Motto „Her yer Taksim, her yer direnis“ – Überall ist Taksim, überall ist Widerstand. Die von der Alevitischen Gemeinde Deutschland e. V. am 22 Juni auf dem Kölner Heumarkt organisierte Demonstration übernahm das Motto der türkischen Demonstranten*. Die Übernahme des Mottos nimmt sowohl die Idee der Multitude auf und lässt darauf schließen, dass diese mehr ist als ein theoretisches Konstrukt.

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Am 28. Mai begannen die Proteste im Gezi-Park. Auch wenn sich die Proteste an dem Abriss einer Mauer und der Entwurzelung einiger Bäume im Istanbuler Gezi-Park entzündeten, ging es dabei nie um diese Objekte, sondern immer schon um den Schutz und der Ausweitung der Demokratie.

Generell sind öffentliche Plätze und Parkanalgen Orte der Demokratie. Seit der antiken griechischen Agora bilden sie den Raum und den Rahmen für die freie Meinungsäußerung. Dies zeigt die Demonstration auf dem Kölner Heumarkt und gilt insbesondere für den Gezi-Park.

Auf dem Gelände des Gezi-Parks soll die im osmanischen Stil erbaute und 1940 abgerissene Topçu-Kaserne wiederaufgebaut werden. Die Nutzung des Gebäudes scheint dabei relativ gleichgültig zu sein. Zunächst sollte dort ein Einkaufszentrum entstehen, später Hotels und Luxuswohnungen. Auch ein Stadtmuseum ist im Gespräch. Der Wiederaufbau der Kaserne ist dabei in doppelter Hinsicht ein Schlag gegen die Demokratie. Zum einem wurde der Park in der damals noch jungen türkischen Republik als ein Ort erdacht, an dem das öffentliche Miteinander von Frauen, Männern und Kindern erprobt werden sollte. Damit ist der Park direkt mit der demokratischen Geschichte und Entwicklung in der Türkei verbunden. Zum zweiten weißt der historisierende osmanische Stil einen immensen Symbolgehalt auf, der von einer großen undemokratischen Vergangenheit der Türkei als osmanisches Reich zeugt. Diese Symbolik passt sehr gut zu Erdogans Demokratieverständnis, das eher dem eines beliebten Monarchen als dem eines gewählten Präsidenten gleicht.

Inzwischen haben sich die Proteste sowohl innerhalb der Türkei als auch weltweit ausgeweitet. Im konkreten der Solidarität mit den Protestierenden in der Türkei zeigt sich aber auch die globale Mulititude. Im Willen aber vor allem im aktiven politischen Handeln artikulieren die Menschen ihren Wunsch nach mehr Demokratie. So sagte ein Teilnehmer der Demonstration am Kölner Heumarkt, dass sich Erdogan langsam zu einem Diktator entwickeln würde und das diese Demonstrationen wichtig für die Demokratie im allgemeinen sei.

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Die Medien und vor allem das Internet sind dabei ein wichtiges Instrument der Organisation der Proteste. Während die klassischen Massenmedien und ihre digitalisierten Abbilder wie die Online-Ausgaben wichtiger Zeitungen die Aufmerksamkeit einer breiten Öffentlichkeit erregen, leisten Blogs und Nachrichten über soziale Netzwerke auf der Seite der Informationsproduzenten eine tiefere Auseinandersetzung mit der Thematik und ermöglichen auf der Seite der Öffentlichkeit eine kritische Auseinandersetzung mit der etablierten Berichterstattung. Diese ist nicht nur in einem Regime, dass die Pressefreiheit wie die Türkei einschränkt notwendig, sondern auch in einem Land wie Deutschland, in dem über die Diktatur der Reichweite, Einschaltquote und der Befindlichkeit der Menschen Medieninhalte bestimmt werden.

Manuel Castells führte 1996 in seinem Standardwerk “Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft” die Unterscheidung zwischen den space of flows und dem space of places ein. Während der space of flows mit der technschen Infrastruktur des Internets das technische Rückrat der Netzwerkgesellschaft darstellt, besteht der space of places aus den Orten und Plätzen an dem die Menschen leben. In dem globalen Ausmaß der Proteste und der großen Beteiligung an der Demonstration in Köln zeigt sich deutlich wie diese beiden Räume zusammenhängen. Diese Verbindung der Räume macht es möglich, dass  sich aus der freien Meinungsäußerung im Internet weltweit ein aktives politisches Handeln entwicklen kann.

© Philipp Adamik 2013

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Der Artikel ist bereits leicht gekürzt auf Freitag.de erschienen.

* Hier geht es zur Linksammlung über die Proeste in der Türkei.

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